Es war eine milde Herbstnacht am steinigen Strand der Ostsee. Der Strand gab den Blick auf die heute ruhige und doch leicht windige See frei. Am Himmel erkannte man die vielen Sternbilder, die
von jeder unterschiedlicher Kultur andere Namen erhalten haben. Wenn der Mond heute draußen geschienen hätte, wäre er von den Sternen vollkommen überschattet worden. Sie waren Kunstwerke des
Himmels und funkelten hell und klar. Aber heute war Neumond und so galt die Aufmerksamkeit jeden Betrachters den Sternen.
Soweit man erkennen konnte, war nicht eine einzige Seele auf diesem steinigen Strand an dieser Herbstnacht zu sehen. Sie überraschte deswegen keinen, als sie sich aus dem Nichts materialisierte.
Die junge Frau trug ein langes blassgrünes Kleid, das beim genauerem Betrachten über und über fein bestickt war. Wenn man sie von der linken Seite betrachtete, hätte jeder behauptet sie wäre eine
natürliche Schönheit. Schwarze Haare, grünes Auge, rosige Wangen und wohl geformte Lippen, von denen sich kein Mann abwenden konnte. Doch dieser Eindruck zerschellte schnell, sobald man ihr
vollkommenes Gesicht erblickte. Während eine Gesichtshälfte die Schönheit einer sterblichen Frau widerspiegelte, war die andere Seite ein in sich zusammengesunkener Leiche. Ihr rechtes Auge war
milchig und blind, dort, wo ihre Nase hätte sein müssen, war das verrottete Fleisch eingefallen und zeigte eine grausige Lücke. Ihre Lippe war dünn und über die gelben fauligen Zähne gewellt.
Diese Hälfte sah aus, wie eine Leiche die im Wasser langsam verrottete. Das Leben und der Tod teilten sich ein Gesicht. Ein grausiges Gesicht. Hel hatte ihr Reich verlassen und war auf die Erde
gekommen. Zu dieser Zeit, an diesen kalten verlassenen Ort. Die einzigen Zeugen die sahen, das sie ihre Tote Welt verlassen hatte, waren die Sterne, der Wind und das Meer.
Langsam schritt Hel zum Wasser. Sie ließ ihre nackten Füße von dem Meer küssen. Hel watete knietief in die Wellen ohne ihr langes Kleid hochzuraffen. Die Wellen waren klein und erzeugten kaum
Gischt. Das Wasser in dem diese kuriose Frau stand hätte sie eigentlich zum frösteln bringen sollen. Doch Hel fröstelte nicht bei der Berührung. Sie verspürte keine Kälte. So als wolle sie von
dem Meer kosten, beugte sie sich an die Oberfläche. Die Spitzen ihrer schwarzen Haare fielen ins Wasser.
Sie öffnete den Mund und flüsterte mit einer Stimme, die bei jedem Menschen widersetzliche Gefühle auslöste. Ihre Stimme war wie ihr Gesicht. Teils schön und beruhigend, teils Furcht einflößend
und hässlich.
„Schwester. Meine Schwester. Erwache! Hel wartet auf dich.“ Eine kleine Welle brach hinter Hel und man hörte das leise rauschen. Es geschah nichts, aber Hel wartete geduldig. Mit
ihren dünnen knochigen Fingern glitt sie über die sich ständig bewegende Wasseroberfläche. Wäre ein erfahrener Seemann an diesem Strand, hätte er sofort erkannt, dass etwas nicht stimmt. Es gab
ein Ruck im Wasser. Nicht an einer spezifischen Stelle, sondern der Ruck ging durch den gesamten Ozean. Überall auf der Welt, bei allen Weltmeeren hätte man es bemerken können.
Forschungsstationen überall auf der Welt nahmen diese Bewegungen auf, würden aber in den folgenden Tagen kaum Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es würde als eine kleine seismische Bewegung der
Erdplatten abgestempelt werden. Kleine Erdbeben die keine Tsunami Warnung erfordern wird. Was die Wissenschaftler und Forscher nicht wussten war, dass die kleinen Erdbeben eigentlich die Bewegung
einer alten, längst von den Menschen vergessene Kreatur war. Gute zwei Kilometer vom Strand, wo Hel wartete, begannen die wellige Oberfläche zu blubbern und kurz darauf zu brechen. Etwas stieg
langsam aus dem Wasser. Wie ein Uboot das wieder an die Luft kam. Das Wesen tauchte nur 1 Meter hoch und trotzdem wusste man direkt, dass diese Erscheinung nur ein kleiner Anteil seines Körpers
war. Ein Paar Gift grün-gelbe Augen öffneten und suchten den Strand vor sich ab. Sie fanden Hel schnell und begann sich diesen Teil des Strandes zu nähern. Wieder ging ein Ruck durch die
Ozeane.
Der Kopf der aus dem Wasser ragte war so groß wie eine riesige Luxusjacht. Man erkannte das dieses Wesen eine Schlange war. Eine monströse, riesige, übellaunige und giftige Wasserschlange. Sie
hob die Nüstern, genau wie ein Krokodil, aus dem Wasser und schnüffelte.
„Sssschwessster. Willkommen auf Midgard. Wessshalb ehrsssst du mich mit deinem Besssssuch?“, hallte eine weibliche Stimme in Hels Kopf. Die Frau am Strand grinste, was auf der
Totengesichtshälfte wie eine schmerzverzerrte Grimasse aussah.
„Es hat begonnen. Ragnarok hat begonnen!“, sagte Hel feierlich. Perplex blinzelte die Schlange mit ihren großen grün-gelben Augen.
„Diesss issst unmöglich. Die Winter sssind kurzzz. Unssser Vater und Bruder liegen noch immer in ungebrochenen Ketten.“ Hel schüttelte den Kopf.
„Die Toten meines Reiches sind unruhig. Yggdrasil verliert Blätter. Blätter die die Farbe des Herbstes haben. Zahlreiche Seher haben es vorausgesehen. Der ewige
Winter steht bevor. Wir müssen Fenrir und Vater befreien. Hilf mir und wir können endlich zu unserer lang ersehnten Rache kommen. Mutters Tod wird gerächt.“ Der Schlangenkopf im Wasser blieb
ruhig, nur die wild umherblickenden Augen verrieten, wie aufgeregt sie war.
„Wasss sssoll ich tun?“, fragte sie. Hel lächelte wieder und selbst der Schlange lief es kalt über den langen schuppigen Rücken.
„Geduld. Weitere Vorbereitungen müssen noch getroffen werden. Sobald der Winter den Sommer ersetzt, kannst du beginnen zu kämpfen. Vorher musst du Thor aus Asgard locken. Ormr,
du musst den Hammer der Götter bekämpfen. Nur so lange bis wir Fenrir und Vater befreit haben.“ Ormr, die Midgardschlange zuckte heftig zusammen als der Name von Odins Sohn ausgesprochen wurde.
Das nervöse Zucken ging durch ihren gesamten Körper. Selbst der riesige Schwanz am anderen Ende der Welt, peitschte hin und her. Die Bewegung war stark genug um das Meer zum wirbeln zu bringen
und einen Tsunami zu erzeugen.
„Ich besssssiege Thor.“ fauchte Ormr und versprühte eine schwarze Wolke, die -das wusste Hel- jedem sterblichen die Haut von den Muskeln ätzte. Hel schaute liebevoll zu ihrer
Schwester hin.
„Noch nicht. Die Prophezeiung sagt das du ihn im Kampf der Götterdämmerungen besiegst. Wenn du bald mit ihm kämpfst wird dieser Zeitpunkt noch nicht sein. Lock ihn heraus.
Kämpfe. Aber versuche ihn nicht zu besiegen. Ist er siegreich, wird die Prophezeiung nicht verwirklicht. Blut wird nicht in Flüßen den Yggdrasil herabfließen und die Welten werden nicht zum Grund
und Boden niedergebrannt. Geduld!“
„Wann, Sssschwesssster?“
„Sobald wir in Asgard eindringen können, werde ich dich mit einem Boten informieren. Solange kannst du dich an diesen Menschen satt essen. Deine Stärken sammeln. Du hast lange
geschlafen, Ormr. Werde erst einmal wach.“ Der Kopf der aus dem Wasser ragte, wippte und spritzte Gist in die Luft.
„Dann werde ich deinen Boten erwarten. Mögen die Götter nicht über unssss wachen.“ Die grün-gelben Augen blinzelten zum Abschied und dann sank der Schlangenkopf langsam wieder
ins Tiefe nass. Der flüchtige Beweis dass die Midgardschlange Präsent gewesen war, waren die Luftblasen die Sekunden nach ihrem verschwinden noch immer an die Oberfläche kamen. Hel verfolgte mit
dem gesunden Auge ihre Schwester. Sie beobachtete wie das Wasser sich einige Meter zurückzog. Ein starker Wind zerzauste Hels Haar. Sie wischte es sich aus dem Gesicht und schaute gen
Himmel.
Die Sterne funkelten noch immer. Vom Land her, konnte Hel die Flügelschläge eines Vogels hören. Schnell ging sie wieder an den Strand. Suchte nervös den Himmel ab. Von einem Schritt auf den
nächsten löste sich ihr Körper in Nichts auf. Gerade als ein schwarzer Rabe mit einem hellen blauen Auge über die Sanddüne flog. Er krächzte laut als er den Strand mit den ins Nichts
verschwundenen Fußspuren sah. Der schwarze Rabe beobachte wie der Strand immer länger wurde. Das Wasser zog sich zurück und am Horizont schien das Meer um einige Meter zu steigen. Mit einem
donnern rollte der 2 Meter hohe Tsunami über den Strand und prallte mit Wucht gegen die nächste Sanddüne. Überall auf der Welt rollte der Tsunami übers Land. An vielen Orten traf es die Menschen
vollkommen unvorbereitet. An den meisten betroffenen Städten gab es mehr Sachschaden als Menschenleben. Aber dennoch, allein an diesem Abend starben weltweit 250.000 Menschen. Nur ein kleiner
freudiger Vorgeschmack auf den Tod und das Verderben das kommen wird sobald Heimdall das Gjallarhorn bläßt und Ragnarok seinen Anfang nehmen wird.
Fortsetztung...
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